Praxisbeispiel

Zukunftsleitbild Sistrans 2034

Ein Saal mit circa 50 Bürgerinnen und Bürgern aus Sistrans. Diese blicken nach vorne auf eine Leinwand mit der Aufschrift "Unser Dorf, Unsere Zukunft"
Präsentation des Leitbildes im Juni 2023 (c) Lukas Neumüller

Projektbeschreibung

In zahlreichen Foren, Workshops und Gesprächsrunden haben sich die Sistranser:innen intensiv mit der Zukunft ihres Dorfes befasst und Ideen eingebracht, wie sie ihr Dorf in den kommenden Jahren gemeinsam weiterentwickeln können. Im Beteiligungsprozess wurden Ideen erarbeitet zur Verbesserung der Infrastruktur, zum Umweltschutz und vor allem zur Stärkung des Zusammenlebens innerhalb der Dorfgemeinschaft. Die im Prozess erarbeiteten Visionen und Ziele dienen der Gemeinde nun als Richtschnur und sollen in einem stetigen Dialog mit den Bürger:innen hinterfragt und erforderlichenfalls neuen Anforderungen angepasst werden.

Anlass und Hintergrund

Ausgangspunkt war das örtliche Raumordnungskonzept, das bis 2025 fortgeschrieben werden muss und festlegt, wie sich unsere Gemeinde räumlich entwickeln will. Dafür sollte einerseits eine breitere Grundlage geschaffen und andererseits die Bürger:innen und ihre Anliegen und Bedürfnisse intensiv eingebunden werden.

Bei einer Gemeinderatsklausur im Juli 2022 hat sich der Sistranser Gemeinderat die Frage gestellt: „Wie können wir unsere zukünftige Entwicklung aktiv gestalten und dabei unsere Bürger:innen möglichst breit einbinden?“ Das Ergebnis dabei war eindeutig: Ein partizipatives Zukunftsleitbild gemeinsam mit der Sistranser Bevölkerung zu erarbeiten.

Ziel(e)

Ziel der Gemeinde war es, gemeinsam mit den Bürger:innen ein Zukunftsleitbild zu erarbeiten, das die brennenden Themen und Bedürfnisse von Jung und Alt abbilden soll. Als Mittelpunkt des Dorfentwicklungsprozess stand die Grundfrage: Wie gestalten wir unser Dorf für eine lebenswerte Zukunft?

Das Leitbild soll gemeinsame Visionen und konkrete Maßnahmen festlegen, die die Grundlage für die künftigen Entscheidungen des Gemeinderats bilden und als klare Richtschnur für den Umgang mit zukünftigen Projekten dienen soll. Es soll sich konstant weiterentwickeln und lebendig sein und Werte vorgeben, die mit den Entscheidungen im Gemeinderat gelebt werden.

Prozessdesign und Ablauf

Der Bürger:innenbeteiligungsprozess wurde in sechs Stufen umgesetzt :

1.

November 2022

Der Bürger:innenrat und das Bürger:innen-Café haben erste Schwerpunkte, Impulse und Ziele gesetzt.

2.

Dezember 2022 bis Februar 2023

Die Arbeitsgruppen (vier thematische und eine übergeordnete) haben die Inhalte tiefer ausgearbeitet.

3.

Februar bis März 2023

Über Dorf-Spaziergänge haben wir externe Expert:innen und ihre Erfahrungen und Beispiele hereingeholt und spezifische Fragestellungen direkt vor Ort diskutiert.
Eine Online-Beteiligungsplattform hat ein breiteres Stimmungsbild geliefert.

4.

24. März 2023

Bei der Leitbildkonferenz haben wir die vorliegenden Ergebnisse präsentiert und breit diskutiert.

5.

April bis Mai 2023

Nach einem Workshop mit dem Gemeinderat ging das Zukunftsleitbild in die Endredaktion durch das Steuerungsteam.
Der Gemeinderat beschloss das Dorfleitbild als Richtschnur unseres gemeinsamen Handelns.

6.

ab Juni 2023

Das Leitbild wir im Raumordnungskonzept räumlich verortet und Schritt für Schritt gemeinsam umgesetzt.
Bürger:innen haben bereits erste Projekte aus ihrer Initiative im Laufen.

(Vertiefende Informationen zu den einzelnen Prozessschritten können über den Link am Ende der Website aufgerufen werden)

Die Intensität des Prozesses während der sieben Monate war für das Steuerungsteam durchaus herausfordernd. Gleichzeitig war der Blick auf die Zwischenergebnisse, das Arbeitsklima und das flexible Reagieren auf neue Herausforderungen sehr motivierend. Das Steuerungsteam musste laufend Entscheidungen treffen. Diese wurden in der Grundstruktur der Soziokratie abgewickelt (Runden, keine schwerwiegenden Einwände etc.) – ohne den Begriff Soziokratie explizit zu nennen. Dadurch wurden beispielsweise alle Bedenken integriert und wirklich passende Lösungen entwickelt, Augenhöhe im Team hergestellt und vor allem alle Entscheidungen vom gesamten Team getragen.

Ergebnisse des Beteiligungsprozesses

Das vorliegende Zukunftsleitbild ist das Ergebnis eines großen Miteinanders. Die Werte, Visionen und Ziele – sowie ein umfassender Ideenkatalog, der im Prozess entstanden ist und online in vollem Umfang verfügbar ist – sind von den Sistranser:innen erdacht, erarbeitet und getragen. Sie bilden ab, wie sich die Bürger:innen eine lebenswerte Zukunft im Dorf vorstellen und sind damit Ausgangspunkt für die gemeinsame, aktive Gestaltung ihrer Zukunft.

Ergebnis in Zahlen:

  • 6 Monate Beiteiligungsprozess
  • 830+ ehrenamtliche Stunden Einsatz
  • 344 Konkrete Ideen
  • 5 Werte
  • 10 Visionen
  • 45 Ziele

Warum es sinnvoll war, mit Beteiligung zu arbeiten

Mehrwert für die Auftraggeber:innen und Durchführenden:

  • großer Ideenpool für das Leitbild und die konkrete Umsetzung; Möglichkeit, die „Weisheit der vielen“ zu nutzen und ein gutes Gefühl dafür zu bekommen, was den Sistranser:innen „unter den Nägeln brennt“
  • breite Akzeptanz und Legitimität des Leitbildes durch Möglichkeit für alle Bürger:innen mitzuwirken
  • Nachhaltigkeit des Leitbildes, das die Interessen und Bedürfnisse der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen widerspiegelt
  • Aktivierung der Bürger:innen zur aktiven Mitwirkung an der Umsetzung (z. B. Bildung einer Freiwilligengruppe, die ein Konzept für einen gemeinsamen Begegnungsraum ausgearbeitet hat)

Mehrwert für die Bürger:innen:

  • Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit
  • Lernerfahrung, wie Gemeindepolitik funktioniert und wie eigene Interessen und Ideen artikuliert und eingebracht werden können
  • Stärkung der Dorfgemeinschaft und Bildung neuer Gruppen und Netzwerke, die Themen und Vorschläge umsetzen
  • aktive Beschäftigung mit der Zukunft des eigenen Dorfes
  • direkter Austausch zur Gemeindepolitik, die zu den Vorschlägen Stellung bezieht und sich erklärt, daraus resultierend mehr Transparenz und Vertrauen

Erfahrungen zum Weitergeben / Lessons Learned

  • Um die Jugend anzusprechen, ist es sinnvoll, eigene Formate und Konzepte zu entwickeln. Jugendliche „laufen nicht einfach mit“ in der Beteiligung, sondern müssen aktiv angesprochen und eingebunden werden (etwa über das Jugendzentrum, digitale Kommunikation…).
  • Die Entwicklung einer eigenen „Corporate Identity“ (z. B. eigenes Logo, Slogan) und die Nutzung verschiedener Kommunikationskanäle (Gemeindezeitung, Rundschreiben, Aushang, Social Media…) erhöhen die Sichtbarkeit des Prozesses im Dorf und damit die Wahrscheinlichkeit, dass Bürger:innen sich angesprochen fühlen und mitwirken.
  • Die dörflichen Vereine sind besonders wichtig für ein aktives Dorfleben. Ihre frühzeitige Einbindung und die Vermittlung von Wertschätzung für ihre Tätigkeit sind wichtige Voraussetzungen für ihre aktive Mitwirkung.
  • Durch die Kombination unterschiedlicher Formate (Bürger:innen-Café, Online-Beteiligung, Arbeitsgruppen, Spaziergänge, große offene Foren…) werden verschiedene Gruppen angesprochen und unterschiedliche Ideen eingeholt. Umso mehr muss gut auf das Energielevel der Steuerungsgruppe und der Bürger:innen geachtet werden, zu viele Formate und ein zu langer Prozess bergen die Gefahr, zu ermüden.
  • Die Online-Beteiligung ist eine niederschwellige Ergänzung, sollte aber nicht im Mittelpunkt der Beteiligung stehen, weil online vor allem eine „Wunschliste“ an Ideen entsteht. Im direkten Gespräch, in der direkten Zusammenarbeit in Arbeitsgruppen werden Ideen gemeinsam entwickelt. Das transformative Potenzial und die Kompromissbereitschaft sind größer, wenn Argumente ausgetauscht und Vorschläge miteinander abgeglichen werden. Der persönliche Austausch sollte daher im Vordergrund stehen.
  • Die Offenheit der Steuerungsgruppe für die Vorschläge der Bürger:innen, die Ergebnisoffenheit des Prozesses und das persönliche Engagement der Steuerungsgruppe sind wichtige Erfolgsfaktoren. In Sistrans war die Steuerungsgruppe besonders engagiert und hoch motiviert. Diese Motivation hat den gesamten Prozess getragen.
  • Eine professionelle Begleitung und Moderation sind wichtig, um zu gewährleisten, dass nicht nur die „Lautesten“ zu Wort kommen und alle Beteiligten sich wertgeschätzt fühlen. Am Ende profitiert das Ergebnis vor allem von der Einbindung einer Vielzahl von Interessen und Bedürfnissen. Auch die Einbindung verschiedener Perspektiven in der Steuerungsgruppe ist gut für den Prozess.
  • Der Beteiligungsprozess muss mit anderen laufenden Prozessen gut abgestimmt und koordiniert werden (z. B. die parallellaufende Auditierung als familienfreundliche Gemeinde), damit alle Prozesse voneinander profitieren und nichts gedoppelt wird. Dabei ist es hilfreich, wenn die verantwortlichen Personen in der Steuerungsgruppe sitzen.

Auftraggeber:in

Gemeinde Sistrans
Bgm. Johannes Piegger

Steuerungsteam Sistrans 2034:
Nataša Oberleiter (Ausschussobfrau), Johannes Piegger (Bürgermeister), Maria Trauner (Vizebürgermeisterin), Hermann Öggl (Ersatzgemeinderat), Markus Scheuringer (Gemeinderat), Johann Stötter (Gemeinderat)

Prozessbegleitung und -beratung

Beratung Krismer: Melanie Plangger, Rainer Krismer, www.krismer.cc

Kosten und Finanzierung

Prozessbegleitung:
Rechnungssumme netto € 30 083,–
20% Umsatzsteuer € 6 016,–
Rechnungssumme brutto € 36 099,–

Öffentlichkeitsarbeit/ Broschüre etc.:
Rechnungssumme brutto € 10 000,–

Finanzierung
durch die Gemeinde Sistrans mit Unterstützung vom Land Tirol, Leitstelle Lokale Agenda 21


Ansprechpartner:in

Bürgermeister der Gemeinde Sistrans

Johannes Piegger

Unterdorf 9
6073 Sistrans
Österreich
+43 512 377 214