Praxisbeispiel

Bürger:innenrat „Care-Arbeit und Vereinbarkeit“

BürgerInnenrat "Care-Arbeit und Vereinbarkeit" © Udo Mittelberger, Land Vorarlberg
BürgerInnenrat "Care-Arbeit und Vereinbarkeit" © Udo Mittelberger, Land Vorarlberg
Praxisbeispiel Bürger:innenrat "Care-Arbeit und Vereinbarkeit"
171 kB | pdf

Projektbeschreibung

14 ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus ganz Vorarlberg kamen für ein Wochenende zusammen um folgende Frage zu diskutieren: „Wie können wir in Vorarlberg die Rahmenbedingungen für Care-Arbeit sowie die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit verbessern? Welche Maßnahmen können Bürgerinnen und Bürger und Organisationen ergreifen und wie kann die Politik dabei helfen?“ Es wurden Erkenntnisse erarbeitet, die bei einem Bürger:innencafé der breiten Öffentlichkeit und Vertreter:innen aus der Politik präsentiert und ergänzt wurden. Außerdem bestand im Rahmen einer Onlinekonsultation auch für die Gesamtbevölkerung die Möglichkeit, sich einzubringen.

Anlass und Hintergrund

In Vorarlberg haben Bürger:innenräte (Methode: Wisdom Council) eine lange Tradition und werden gerne als Instrument von der Politik genutzt. Besonders ist aber, dass sie auch „von unten” initiiert werden können, wenn über 1000 Vorarlberger:innen eine Forderung danach unterzeichnen. Der hier beschriebene Bürger:innenrat ist durch das Engagement einer Initiativgruppe aus der Bevölkerung, entstanden. Ihr Wunsch: schnelle Veränderungen mit direkt spürbarer Verbesserung für die Betroffenen von nicht oder schlecht bezahlter Care-Arbeit forcieren.

Ziel(e)

Die Fragestellung, zu der die Rät:innen diskutieren, lautet: Wie können wir in Vorarlberg die Rahmenbedingungen für Care-Arbeit sowie die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit verbessern? Welche Maßnahmen können Bürger:innen und Organisationen ergreifen und wie kann die Politik dabei helfen? Die Themen, die damit adressiert werden sollen sind u.a. zukunftsfähige Rahmenbedingungen sowie gesellschaftliche Anerkennung des sozialen Engagements als Voraussetzung für ein funktionierendes Sozial- und Wirtschaftswesen. Zur Ausgangsituation gehört aber auch, dass wir vor großen Herausforderungen stehen, die wir nur gemeinsam gut und schnell lösen können. Dahinter steckt die Frage, wie und welche Veränderungen und Innovationen jetzt möglich sind, die eine spürbare Verbesserung für die Betroffenen forciert. Mehr dazu auf der Website der Bürger:innen-Initiative.

Prozessdesign und Ablauf

Der Bürger:innenratsprozess nach dem Vorarlberger Modell gliedert sich in mehrere Prozessschritte und mündet in dem Beschluss der Dokumentation durch die Landesregierung.

1. Bürger:innenrat

Nach einem internen Kick-Off und der Organisation startet der Prozess mit dem Eineinhalbtägigen Bürger:innenrat, bei dem sich 14 zufällig gewählte Bürgerinnen und Bürger intensiv mit dem Thema Care-Arbeit beschäftigten. Der Bürger:innenrat wurde mit der Methode Dynamic Facilitation moderiert.

2. Bürger:innencafé

Die Ergebnisse wurden von den Teilnehmenden des Bürger:innenrates öffentlich bei dem Bürger:innencafé im Landhaus (Bregenz) präsentiert. Begrüßungsworte erfolgten durch die Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink und die Landesrätin Katharina Wiesflecker. Rund 90 Personen nahmen an der Veranstaltung teil, tauschten sich über die Ergebnisse aus und reicherten die Ergebnisse durch weitere Perspektiven an.

3. Onlinekonsultation

Um auch weiteren Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zur Mitsprache zu ermöglichen, gab es eine Onlinekonsultation zur selben Fragestellung. Außerdem wurden sämtliche Inhalte aus den bisherigen Prozessschritten auf der Plattform „Vorarlberg Mitdenken“ transparent und zugänglich gemacht.

4. Resonanzgruppe

Wie auch beim Kick-off wurden relevante Stakeholder und Vertreter:innen des Bürger:innenrats zum Treffen der Resonanzgruppe eingeladen. Ziel ist die Ergebnisse auf ihre Verwertbarkeit und Umsetzbarkeit zu prüfen sowie Anknüpfungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.

5. Rückmeldung der Landesregierung

Die Ergebnisse der vorherigen Prozessschritte werden in einer Dokumentation gesammelt und den Teilnehmenden sowie der Landesregierung vorgelegt. Die Landesregierung behandelt die übermittelten Vorschläge. Im Anschluss erhalten die Bürger:innen eine Rückmeldung darüber, wie mit den Ergebnissen umgegangen wird.

Ergebnisse des Beteiligungsprozesses

Es wurden Ideen und konkrete Vorschläge zum Thema „Care-Arbeit und Vereinbarkeit“ in Vorarlberg von den Teilnehmenden gemeinsam erarbeitet und in einer Dokumentation zusammengefasst. In folgenden Bereichen wurden 5 Haupterkenntnisse gewonnen:

  • Wertewandel & Systemwechsel
  • Vernetzung, Kommunikation, Information
  • Kinderbetreuung
  • Belastung in der Pflege
  • Finanzierung des Care-System

Die 5 Haupterkenntnisse aus dem Bürger:innenrat und dem Bürger:innencafé wurden auf der online Beteilgungsplattform vorarlberg.mitdenken.online dargestellt. Diese Ergebnisse wurden von der Landesregierung geprüft und in bestehende Maßnahmen eingepflegt bzw. für die Erarbeitung neuer Maßnahmen herangezogen. Eine öffentliche Rückmeldung wird auf https://vorarlberg.at/buergerrat zu lesen sein.
Zudem wurde bei den Teilnehmenden Bewusstsein geschaffen und durch die öffentliche Diskussion und breite Berichterstattung wurde die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert.

Warum es sinnvoll war, mit Beteiligung zu arbeiten

Mit dem Bürgerratsprozess „Care-Arbeit und Vereinbarkeit“ wurden folgende Wirkungen angestrebt:

  • Beispielgebender Prozess zum Thema Care-Arbeit und Vereinbarkeit: Mit der Moderationsmethode (Dynamic Facilitation) und partizipativen Veranstaltungsformaten wird ein Diskussionsniveau erreicht, das sich durch Wertschätzung und Respekt gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen und Standpunkten auszeichnet. Das Verbindende steht im Vordergrund, Konfliktthemen können konstruktiv erörtert werden. Unterschiedliche Akteur:innengruppen haben im Laufe des Prozesses Möglichkeiten sich einzubringen.
  • Maßnahmen rundum die Verbesserung von Rahmenbedingungen für die Care-Arbeit zur besseren Vereinbarkeit mit Familienleben und beruflicher Entfaltung: Die Empfehlungen aus dem Bürger:innenrat werden aufgegriffen und auf ihre Umsetzungsmöglichkeiten geprüft. Die Vorarlberger Landesregierung setzt noch stärkere Beteiligungsmaßnahmen und einen stärkeren Fokus auf den Dialog mit Bürger:innen.
  • Ideen und konkrete Vorschläge zur zukünftigen Gestaltung der Rahmenbedingungen im Bereich Care-Arbeit sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Vorarlberg aus Sicht der Bürger:innen werden aufgenommen. So entsteht eine wertvolle Ergänzung zur bestehenden Fachexpertise.
  • Eine weitere angestrebte Wirkung ist die Bewusstseinsbildung bei den Teilnehmenden: Immer wieder wurde festgestellt, dass die Teilnahme bei einem Bürger:innenrat verstärktes Interesse an Politik, erhöhter Wille zu freiwilligem Engagement und (themenabhängige) Bewusstseinsbildung forciert. Diese möglichen Effekte können als wertvoll für eine nachhaltige Gesellschaftsentwicklung gewertet werden.
  • Sensibilisierung der öffentlichen Meinung für das Thema Care-Arbeit und Vereinbarkeit: Der Prozess sollte dazu beitragen, das Thema Care-Arbeit und Vereinbarkeit wieder verstärkt in den öffentlichen Diskurs zu bringen und die thematische Vielfalt aufzeigen.

Erfahrungen zum Weitergeben / Lessons learned

Wie bereits bei vorhergehenden Bürger:innenräten hat auch der Bürger:innenrat „Care-Arbeit und Vereinbarkeit“ deutlich gezeigt, dass ein Gruppenprozess Raum bietet damit Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen gut und wirksam miteinander zusammenarbeiten können. Die Teilnehmenden gaben positive Rückmeldungen über den Prozessablauf, die Moderator:innen und das Format im Allgemeinen. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Gruppe wurden als sehr wertvoll bezeichnet.

Lessons learned für die Organisation sind:

  • Es wird nicht mehr in 2 Gruppen parallel gearbeitet. Eine Zusammenführung der unterschiedlichen Gruppenergebnisse ist damit nicht mehr notwendig.
  • Der Zeitrahmen für den Bürger:innenrat wurde um eine Stunde am Samstag verlängert, wodurch die gemeinsame Themensammlung und Ausarbeitung der Empfehlungen verbessert werden konnte.
  • Seit dem letzten BR wurde ein zweistufiges Auswahlverfahren eingeführt, bei dem zusätzliche Kriterien abgefragt werden und somit eine größere Heterogenität erreicht wird.
  • Die Informationsphase für die Teilnehmenden wurde erweitert und ergänzt: Es gibt mittlerweile einen „Informations-Monat“ bei dem unterschiedliche Perspektiven und Informationen zum jew. Thema (meist in Videoformat) bereitgestellt werden.
  • Es braucht generell eine stärkere Kommunikation zum Instrument „Bürger:innenrat“ für verschiedene Zielgruppen (nicht nur potentielle Teilnehmer:innen). Erste Maßnahmen aus dem neuen Kommunikationskonzept zum Thema kommen zur Anwendung, welches sich in unterschiedliche Zielgruppen aufsplittert.
  • Beim Bürger:innenratcafé wurde das Worldcafé leicht adaptiert und der Austausch verlief zu den vorgestellten Themenbereichen. Dadurch konnten weitere konkrete Maßnahmenvorschläge gewonnen werden.

Auftraggeber:in

Landesrätin Katharina Wiesflecker, Landesrätin Martina Rüscher, Vorarlberger Landesregierung

Prozessbegleitung und -beratung

Robert Pakleppa, Ines Omann, Büro für Freiwilliges Engagement und Beteiligung

Kosten und Finanzierung

Weitere Kosten beliefen sich auf 13.550,–



Ansprechpartner:in

Leiter des Büros für Freiwilliges Engagement und Beteiligung

Michael Lederer

Büro für Freiwilliges Engagement und Beteiligung
Jahnstraße 13-15
6900 Bregenz
+43 5574 511 20605