Projektbeschreibung
Die niederösterreichische Marktgemeinde Pernegg liegt in einem Gebiet, das im Raumordnungsprogramm des Landes Niederösterreich als für Windkraftnutzung geeignet definiert wurde. Der Gemeinderat beschloss daraufhin, die Bevölkerung aktiv in die Frage einzubinden, unter welchen Bedingungen Windkraft Teil der Energiezukunft der Gemeinde werden kann und soll. Hierfür wurde die „Planungswerkstatt Pernegg“ durchgeführt: Eine ausgewählte, vielfältig zusammengesetzte Planungsgruppe von 18 Bürger:innen mit unterschiedlichen Einstellungen zu Windkraft erarbeitete in Workshops – unter externer Moderation und Begleitung – gemeinsam Empfehlungen, die dem Gemeinderat als fundierte Entscheidungsgrundlage dienen sollen. Ergänzend wurde ein öffentliches Dialogforum durchgeführt.
Anlass und Hintergrund
Die Frage, ob und wenn ja unter welchen Bedingungen eine Gemeinde Windkraftanalagen errichten möchte, beschäftigt derzeit einige Gemeinden in Niederösterreich. Immer öfter bildet sich auch Widerstand: Bürger:inneninitiativen protestieren und sammeln Unterschriften um Volksbefragungen herbeizuführen, in deren Vorfeld es allerdings oft zu Polarisierungen innerhalb von Gemeinden kommt und der soziale Friede leidet. Die Marktgemeinde Pernegg versuchte daher einen anderen Weg und rief noch vor dem Beginn konkreter Windkraft-Planungen einen offenen Beteiligungsprozess aus. In der „Planungswerkstatt Pernegg“ stand gemeinsames Nachdenken zu folgenden Fragen im Mittelpunkt:
- Landschaft & Natur: Wie können sich Windkraftanlagen einfügen?
- Energie & Versorgungssicherheit: Was kann Wind leisten?
- Nutzen & Beteiligung: Wer profitiert wie?
- Lebensqualität & Fairness: Welche Formen von Ausgleich braucht es?
Ziel(e)
Ziel der Planungswerkstatt war es, einen gemeinsamen Vorschlag zu erarbeiten, unter welchen Bedingungen die Errichtung von Windkraft-Anlagen für die Büger:innen Perneggs vorstellbar ist und wie sie sinnvoll realisiert werden könnte. Der Vorschlag sollte dem Gemeinderat als fundierte Grundlage für weitere repräsentativ-demokratische Entscheidungen dienen.
Prozessdesign und Ablauf
Interessierte Bürger:innen konnten sich bewerben, Teil der Planungsgruppe zu sein. Aus allen Bewerber:innen wurde dann eine Gruppe von 18 Bürger:innen ausgewählt, die möglichst divers hinsichtlich Alter, Lebenssituation, Wohnort (unterschiedliche Ortschaften der Gemeinde) und Einstellung zum Thema Windkraft – von skeptisch bis eher positiv – sind.
Zwischen Jänner und April 2026 fanden insgesamt drei nicht-öffentliche Treffen der Planungswerkstatt statt. Zwischen Treffen 2 und 3 fand außerdem ein öffentliches Dialogforum statt, zu dem alle Bürger:innen Perneggs eingeladen waren.
In den gesamten Prozess wurden auch die potenziellen Windkraft-Projektträger (WEB Windenergie, Windkraft Simonsfeld, EVN Naturkraft) involviert – für Austausch, fachlichen Input und zum Erarbeiten der Projektideen.
Workshop 1 (Jänner 2026)
Beim 1. Workshop wurde eine gemeinsame Wissensbasis zu Windkraft hergestellt und darauf aufbauend Grundwerte gesammelt zur Frage: „Was ist uns in Pernegg wichtig?“ sowie Handlungsoptionen in den Themenfeldern „Natur & Landschaft“ sowie „Alltag & Wahrnehmung“.
Workshop 2 (Februar 2026)
Im 2. Workshop wurden gemeinsam Bedingungen erarbeitet zu den Themen „Fairness & Nutzen“ sowie „Raum & Nähe und es wurden erste Empfehlungen für den Gemeinderat formuliert.
Öffentliches Dialogforum (März 2026)
Beim öffentlichen Dialogforum bekam die breite Öffentlichkeit Einblicke in die bisherige Arbeit der Planungsgruppe und konnte Fragen stellen und Feedback geben.
Workshop 3 (April 2026)
Basierend auf den Rückmeldungen aus dem Dialogforum wurden dann im 3. Workshop konkrete Projektvarianten von Projektträgern bewertet, und es wurde diskutiert, welche Variante alle Bedingungen des Planungswerkstatt-Vorschlags am besten erfüllt.
Anschließend wurden die Empfehlungen der Planungswerkstatt an den Gemeinderat übergeben.
Ergebnisse und (erste) Umsetzungen
Die Ergebnisse der ersten beiden Workshops sind auf der Projektwebsite veröffentlicht (in der Dokumentation des „Dialogforums“).
Beispielsweise gab es im Bereich „Natur & Landschaft“ breiten Konsens bei folgenden Themen:
- Keine Kosten & Aufwand für Gemeinde und Bürger:innen durch Freischneiden, Räumung & Erhaltung von Zufahrtswegen zu Windkraftanlagen.
- Artenschutzbestimmungen müssen eingehalten werden.
- Es muss freie Sichtachsen in der Windzone geben.
- Betroffene müssen bei der Ausgestaltung von Sichtachsen mitwirken können.
Unterschiedliche Positionen (d.h. keinen klaren Konsens und weiteren Diskussionsbedarf) gab es zum Beispiel in den Bereichen:
- Ersatz von Schaden (Zeit & Wert) während Bauphase & Betrieb
- Einbezug/Mitwirkung lokaler Jägerschaft in die Planung
- Ausgleichsmaßnahmen am Gemeindegebiet, nahe bei betroffenen Siedlungen
Aktuell befinden sich die Ergebnisse und Vorschläge der Planungswerkstatt noch in öffentlicher bzw. politischer Diskussion.
Warum es sinnvoll war, mit Beteiligung zu arbeiten
Durch deliberative Verfahren wie die Planungswerkstatt in Pernegg wird eine intensive Diskussion ermöglicht, die differenzierte Antworten zu Bedingungen, Sorgen und Chancen liefert und dadurch eine fundiertere, breiter akzeptierte Entscheidungsgrundlage schafft.
Erfahrungen zum Weitergeben / Lessons Learned
Es fand ein sehr konstruktiver Dialog zwischen allen Beteiligten – auch mit unterschiedlichen Einstellungen zur Windkraft – statt. Gerade rund um die Errichtung und den Ausbau Erneuerbarer Energieinfrastrukturen entstehen viele Reibungsflächen in der Bevölkerung bzw. zwischen Politik, Wirtschaft, Bürger:inneninitiativen, Grundstücksbesitzer:innen, Anrainer:innen und anderen Gruppen mehr. Es lohnt sich, mutig neue Formate auszuprobieren und Konflikte nicht zu scheuen, sondern aus ihnen zu lernen und sie im besten Fall fruchtbar zu machen für Lösungen zum größtmöglichen Gemeinwohl.
Auftraggeber:in
Marktgemeinde Pernegg
Prozessbegleitung und -beratung
GUSTA (Guttmann & Stagl Consult GmbH)
Kosten und Finanzierung
Finanziert wurde der Prozess durch die potenziellen Windkraft-Projektträger. Jedoch gab die Gemeinde den Rahmen vor, die Moderation (GUSTA) arbeitet allparteilich und die Finanzierenden hatten keinen Einfluss auf die Inhalte und Ergebnisse.



