Projektbeschreibung
20 zufällig ausgewählte Bürger:innen aus ganz Vorarlberg kamen für ein Wochenende zusammen, um im Rahmen des Bürger:innenrat „Demokratie‑Werkstatt“ folgende Frage zu diskutieren: „Was braucht unsere Demokratie, damit möglichst viele Menschen mitgestalten können und sie auch in Zukunft stark und lebendig bleibt?“ Die erarbeiteten Positionen wurden bei einem Bürger:innencafé der Öffentlichkeit sowie Vertreter:innen aus Politik und Zivilgesellschaft präsentiert und weiterentwickelt. Zusätzlich bestand über eine Onlinekonsultation für die gesamte Bevölkerung die Möglichkeit, sich einzubringen.
Anlass und Hintergrund
Der Bürger:innenrat ist ein mehrstufiges Beteiligungsverfahren mit langer Tradition in Vorarlberg. Bereits seit 2006 können Bürger:innenräte von Gemeinden, Regionen, dem Vorarlberger Landtag oder der Landesregierung einberufen werden. Seit 2013 ist zudem geregelt, dass auch Bürger:innen selbst einen Bürger:innenrat initiieren können, wenn mindestens 1.000 teilnahmeberechtigte Personen eine entsprechende Forderung unterstützen.
Im Fall des Bürger:innenrats „Demokratie-Werkstatt“ begann der Prozess mit einem Antrag des SPÖ-Landtagsklub Vorarlberg, der im Ausschuss für Kultur und Bildung beraten wurde. Auf Empfehlung des Ausschusses erteilte der Vorarlberger Landtag der Landesregierung in der Sitzung vom 7. Mai 2025 den offiziellen Auftrag zur Einberufung des Bürger:innenrats. Es handelt sich um den ersten Bürger:innenrat der vom Landtag einberufen wurde.
Ziel(e)
Im Antrag an die Landesregierung wurden folgende Zielsetzungen für den Bürger:innenrat formuliert:
- Möglichkeiten zur Steigerung der Wahlbeteiligung entwickeln
- Neue Beteiligungsmodelle erarbeiten, insbesondere für junge Menschen
- Strategien zur Stärkung und Absicherung des demokratischen Systems gegenüber aktuellen Gefahren diskutieren
Prozessdesign und Ablauf
Der Bürger:innenratsprozess nach dem Vorarlberger Modell gliedert sich in mehrere Prozessschritte und mündet in der Prüfung der Vorschläge auf Umsetzung durch Politik und Verwaltung.
Online-Beteiligung
Der Prozess begann mit einer Online-Beteiligung auf der Plattform vorarlberg.mitdenken.online (2.–21. September 2025). Alle interessierten Bürger:innen konnten dort ihre Gedanken zur Leitfrage einbringen. Die gesammelten Antworten wurden verdichtet und den Teilnehmenden des Bürger:innenrats zur Verfügung gestellt.
Bürger:innenrat
Für den Bürger:innenrat wurden rund 600 Personen mittels Zufallsauswahl aus dem Melderegister eingeladen, damit ein breites Spektrum an Perspektiven vertreten ist. 20 Personen (10 Frauen, 10 Männer, 18–73 Jahre) nahmen am 1½-tägigen moderierten Gespräch teil (26.–27. September 2025). Gemeinsam erarbeiteten sie Positionen und Empfehlungen zur weiteren Entwicklung der Demokratie in Vorarlberg.
Bürger:innencafé (Öffentliche Präsentation)
Am 7. Oktober 2025 wurden die Ergebnisse des Bürger:innenrats im Bürger:innencafé im Landhaus Bregenz öffentlich präsentiert. Rund 50 Interessierte nahmen teil, diskutierten die erarbeiteten Positionen und brachten zusätzliche Anregungen ein. Diese Rückmeldungen flossen in die Dokumentation ein.
Weiterverarbeitung, Dokumentation und Rückmeldung der Landesregierung
Die Ergebnisse der Online-Beteiligung, des Bürger:innenrats und des Bürger:innencafés wurden systematisch zusammengeführt, in der offiziellen Dokumentation festgehalten und den Teilnehmenden sowie der Landesregierung vorgelegt. Die Landesregierung behandelte die übermittelten Vorschläge. Im Anschluss (Herbst 2026) erhalten die Bürger:innen eine Rückmeldung darüber, wie mit den Ergebnissen weiter verfahren wurde bzw. welche Maßnahmen von der Landesregierung gesetzt werden können.
Ergebnisse und (erste) Umsetzungen
Im Beteiligungsprozess des Bürger:innenrats „Demokratie-Werkstatt“ wurden von den Teilnehmenden gemeinsam Positionen und Perspektiven zur Stärkung der Demokratie in Vorarlberg erarbeitet und in der Dokumentation festgehalten. Die Ergebnisse gliedern sich in mehrere zentrale Themenbereiche:
- Gefahren für die Demokratie: Wahrgenommene Risiken wie politische Verdrossenheit, Polarisierung, Einfluss sozialer Medien und mangelnde Repräsentation junger Menschen wurden identifiziert. Daraus abgeleitet wurden Impulse für mehr Transparenz, Dialog zwischen Politik und Bevölkerung sowie eine stärkere, respektvolle politische Kultur.
- Wahlbeteiligung stärken: Empfehlungen zielen darauf ab, Motivation und Vertrauen in Wahlen zu erhöhen – etwa durch gezielte politische Bildung, niedrigschwellige Informationsangebote, Simulationen demokratischer Prozesse und inklusive Ansprache besonders junger Menschen.
- Beteiligungsmodelle entwickeln: Es wurde betont, dass Demokratie lebendig bleibt, wenn Menschen kontinuierlich Möglichkeiten haben, sich einzubringen. Dazu gehören transparente Informationen, lokales Engagement, digitale Beteiligungsformate und regelmäßige Bürger:innenräte als ergänzende Formen politischer Mitwirkung.
Aus diesen Themenbereichen ergibt sich eine gemeinsam getragene Haltung, die Demokratie als ein System versteht, das Sicherheit, Transparenz, Wirksamkeit und Beteiligung braucht, um Vertrauen zu stärken und Teilhabe für alle Bevölkerungsgruppen erfahrbar zu machen.
Die Dokumentation enthält zudem konkrete Umsetzungsideen, mit denen die Perspektiven des Bürger:innenrats weitergedacht werden können, etwa einen demokratischen Transparenz- und Evaluierungsbericht oder Leitfäden für Beteiligungsprozesse.
Warum es sinnvoll war, mit Beteiligung zu arbeiten
Mit dem Bürger:innenrat „Demokratie-Werkstatt“ wurden mehrere Wirkungen angestrebt und teilweise bereits sichtbar:
Raum für konstruktiven Dialog über Demokratie
Durch die moderierte Arbeitsweise im Bürger:innenrat entstand ein geschützter Rahmen, in dem unterschiedliche Sichtweisen respektvoll ausgetauscht werden konnten. Gerade bei einem sensiblen Thema wie Demokratie zeigte sich, dass zufällig ausgewählte Bürger:innen jenseits parteipolitischer Logiken gemeinsame Anliegen formulieren können. Das Verbindende stand im Vordergrund, Unterschiede konnten konstruktiv bearbeitet werden.
Stärkung von Vertrauen und politischer Kultur
Der Prozess ermöglichte direkte Begegnung zwischen Bevölkerung, Politik und Verwaltung – insbesondere im Bürger:innencafé. Dadurch wurde Transparenz geschaffen und das Vertrauen in demokratische Prozesse gestärkt. Demokratie wurde nicht abstrakt diskutiert, sondern als gestaltbar und erfahrbar erlebt.
Erfahrungen zum Weitergeben / Lessons Learned
Wie bereits bei vorhergehenden Bürger:innenräten hat auch der Bürger:innenrat „Demokratie-Werkstatt“ deutlich gezeigt, dass die Methode gut dafür geeignet ist, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen in eine wirksame Zusammenarbeit zu bringen. Die Teilnehmenden gaben positive Rückmeldungen über den Prozessablauf, die Moderator:innen und das Format im Allgemeinen. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Gruppe wurden als sehr wertvoll bezeichnet.
Lessons learned für die Organisation sind:
- Die Informationsphase für die Teilnehmenden wurde erweitert und ergänzt: Es gibt mittlerweile einen „Informations-Monat“, bei dem unterschiedliche Perspektiven und Informationen zum jeweiligen Thema bereitgestellt werden.
- Es braucht generell eine stärkere Kommunikation zum Instrument „Bürger:innenrat“ für verschiedene Zielgruppen.
- Für das Bürger:innencafé wurde die Methode World Café leicht adaptiert und der Austausch fand zu den vorgestellten Themenbereichen statt. Dadurch konnten weitere konkrete Maßnahmenvorschläge gewonnen werden.
- Die Ergebnisse des Bürger:innenrates sowie die Ergänzungen aus der Online-Beteiligung und dem Bürger:innencafé wurden dem Rechtsausschuss in der Sitzung am 3. Dezember 2025 von zwei Bürgerrät:innen präsentiert und erläutert.
Auftraggeber:in
Landtagspräsident, Harald Sonderegger
Prozessbegleitung und -beratung
Moderation: Annemarie Felder (externe Moderatorin) und Michael Lederer (Land Vorarlberg, Verwaltungsinnovation und Organisationsentwicklung)
Kosten und Finanzierung
€ 5.361 ohne Personalkosten, finanziert vom Land Vorarlberg, Verwaltungsinnovation und Organisationsentwicklung
Publikationen und Links zu diesem Verfahren
Links
Downloads zum Thema
Ansprechpartner:in
Lydia Fischkandl
6900 Bregenz



