Methode

Sprechen & Zuhören

ANZAHL DER BETEILIGTEN
Kleine Gruppe (bis ca. 15 Personen)
Mittlere Gruppen (ca. 15-30 Personen)
Größere Gruppen (ab ca. 30 Personen)

Skalierbar für jede Gruppengröße
DAUER DER DURCHFÜHRUNG
Weniger als 1 Tag

90 min (mind. 60 min)
STUFE DER BETEILIGUNG
Information
Konsultation
FORM DER BETEILIGUNG
Analog
Digital
ZWECK DER DURCHFÜHRUNG
Problem / Feld analysieren, Meinungen / Reaktionen einholen, Längerfristig zusammenarbeiten, Aktivieren, Konflikt lösen
FÜR KONFLIKT GEEIGNET
Ja

Allgemein

„Sprechen & Zuhören“ ist ein von Mehr Demokratie e. V. (Deutschland) entwickeltes Dialogformat, welches darauf abzielt, das demokratische Miteinander zu stärken und eine hierarchiefreie Gesprächskultur zu fördern. Die Teilnehmer:innen erleben einen strukturierten Austausch, in dem sie ihre eigenen Ansichten zu einem gesellschaftlich relevanten Thema zur Sprache bringen und gleichzeitig anderen aufmerksam zuhören.

Kern des Formats ist, dass jede Person gleich viel Redezeit erhält: In Kleingruppen spricht immer eine Person für vier Minuten am Stück, während die anderen ohne Rückfragen und Unterbrechungen zuhören. Beim Zuhören entstehen Empathie und Respekt, insbesondere dann, wenn Teilnehmende Parallelen zu eigenen Erfahrungen erkennen. Nach mehreren Gesprächsrunden sind sich die Beteiligten bewusster darüber, wie sie in der Tiefe zu einem Thema stehen, und erfahren, dass eine demokratische Verständigung auch bei kontroversen Fragen möglich ist. Häufig führt dies zu mehr Gelassenheit, Entspannung und Zuversicht – eine gute Grundlage für nachfolgende sachlich‑inhaltliche Diskussionen.

Sprechen & Zuhören ist einfach zu verstehen, in relativ kurzer Zeit durchführbar und kann sowohl als eigenständiges Dialogformat als auch als Baustein in größeren Beteiligungsprozessen – etwa in Bürger:innenräten – eingesetzt werden. Das Format eignet sich besonders für polarisierende Themen oder zur Entschleunigung hitziger Debatten und findet mittlerweile neben Deutschland auch zunehmend in Österreich Anwendung.

Ablauf

Eine Sprechen & Zuhören – Dialogveranstaltung dauert meist ca. 90 Minuten (mindestens 60 Minuten) mit anschließendem informellen Get together.

In kleinen Gruppen (meist Vierergruppen) sprechen Menschen darüber, wie es ihnen in Bezug auf ein bestimmtes gesellschaftliches Thema geht. Die Fragestellung wird in der Regel im Vorfeld gewählt, kann aber auch zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam mit den Teilnehmenden festgelegt werden.

Die Frage beginnt in der Regel mit „Wie geht es Dir mit …?“ oder „Wie geht es Dir in Bezug auf …?“ und sollte bewusst offen und neutral formuliert sein, um möglichst viele Menschen mit diversen Sichtweisen anzusprechen. Die Themen können vielfältig sein, von aktuellen politischen Ereignissen oder Krisen, über lokale Politik bis hin zu allgemeinen oder zukunftsgerichteten Fragen oder Themen, z.B.:

  • Wie geht es Ihnen/Dir in [Ortsname]?
  • Wie geht es Ihnen/Dir mit Österreichs Außenpolitik?
  • Wie geht es Ihnen/Dir mit KI?
  • Wie geht es Ihnen/Dir mit Heimat, wenn sich vieles verändert?

Prototypischer Ablauf:

1.

Begrüßung, Einführung und Erläuterung des Formats – ca. 20 Minuten

  • Die Moderator:innen stellen sich vor
  • Die Fragestellung/das Thema wird vorgestellt
  • Ziel, Ablauf und Regeln (siehe unten) werden vorgestellt
  • Verständnisfragen zum Ablauf werden beantwortet
  • Vertraulichkeit wird mit den Teilnehmenden vereinbart, d.h. dass persönliche Informationen aus den Gesprächen nicht nach außen getragen werden; erlaubt ist, von eigenen Erfahrungen zu berichten, nicht jedoch, wer was gesagt hat (vgl. Chatham House Rule für inklusive, offene Dialogführung)
  • Vierergruppen werden gebildet (ggf. eine oder mehrere Dreiergruppen)
2.

Drei Gesprächsrunden in Kleingruppen – ca. 50 Minuten

  • In den Kleingruppen finden nacheinander drei Gesprächsrunden mit derselben Gruppe von drei oder vier Personen statt.
  • Pro Runde spricht jede Person genau vier Minuten; insgesamt kommt jede Person somit dreimal zu Wort.
  • Gesprochen wird reihum, in allen drei Runden in derselben Reihenfolge; während eine Person spricht, hören die anderen aufmerksam zu, ohne Zwischenfragen, Kommentare oder sonstige Unterbrechungen.
  • Reihenfolge definieren: es beginnt z.B. die Person mit den längsten Haaren oder alphabetisch nach Anfangsbuchstaben des Vor- oder Nachnamens.
  • Die Moderation achtet auf die Zeit und gibt ein akustisches Signal, wenn die vier Minuten vorbei sind und die nächste Person an der Reihe ist.
3.

Rückkehr ins Plenum – ca. 20 Minuten

  • Abschließend kommen alle Teilnehmenden in großer Runde zusammen und teilen Eindrücke aus den Kleingruppen.
  • Leitfragen können sein: „Was ist jetzt anders als vorher?“ oder „Gibt es etwas Wesentliches, das du gehört hast und von dem du möchtest, dass andere es auch hören?“, wobei darum gebeten wird, Gehörtes anonym wiederzugeben, etwa mit der Formulierung: „Ich habe gehört …“.
4.

Optional: Ausklang / Get-together – ca. 20 Minuten

Empfehlenswert ist ein geselliger Ausklang, z.B. bei Suppe und Getränken, um das Erlebte nachwirken zu lassen und den Austausch fortzusetzen.

Für Sprechen & Zuhören gibt es einfache, aber wichtige Regeln, die von der Moderation zu Beginn vorgestellt werden: 

Regeln für die sprechende Person:

  • Mache Ich-Aussagen, d. h. sprich von dir, deinen Erfahrungen und deinen Empfindungen
  • Bewerte nicht, was andere gesagt haben
  • Redepausen sind erlaubt und in Ordnung

Regeln für die zuhörende Person:

  • Höre aufmerksam zu, ohne Unterbrechungen oder Rückfragen.
  • Beobachte dich selbst (Wie reagierst du innerlich? Wie reagiert dein Körper auf das Gehörte?)
  • Optional: Wenn die sprechende Person lange abstrakt oder über „die anderen“ spricht, kann als nonverbale Erinnerung eine Hand aufs Herz gelegt werden, um zum Sprechen aus der eigenen Perspektive einzuladen.

Für mehr Informationen zum Ablauf siehe auch den Moderationsleitfaden von Mehr Demokratie e.V.

Organisatorisches

Die Fragestellung und die Regeln werden für alle gut sichtbar im Raum platziert, etwa auf Flipcharts oder Pinnwänden.

Die Raumgröße sollte der Anzahl der Teilnehmenden angemessen sein und zu Beginn sowie zum Abschluss einen Stuhlkreis für alle ermöglichen. Der Raum sollte eine gute Akustik haben und die Kleingruppen mit etwas Abstand zueinander sitzen können, sodass ruhige und fokussierte Gespräche möglich sind.

Es wird empfohlen, dass je nach Gruppengröße ein oder zwei Moderator:innen anwesend sind. Dies erleichtert das „Raum halten“ und ermöglicht, auf Unvorhergesehenes flexibel zu reagieren, ohne den Gesamtprozess zu unterbrechen.

Für einen geselligen Ausklang sind Getränke und ein kleiner Imbiss – z.B. Suppe oder Snacks – empfohlen.

Zu beachten

Eine gute Einladungspolitik ist wichtig, vor allem im kommunalen Setting – etwa über lokale Vereine, Gemeindestrukturen oder direkt durch den/die Bürgermeister:in – damit sich Menschen angesprochen und eingebunden fühlen und unterschiedliche Zielgruppen erreicht werden. Es ist empfehlenswert, auch die Fragestellung, zu der eingeladen wird, gemeinsam mit lokalen Akteur:innen zu entwickeln.

Vor allem im kommunalen Kontext sollte Sprechen & Zuhören nicht nur als einmalige Veranstaltung, sondern in einer Serie von mehreren Veranstaltungen angeboten werden, um die Gesprächskultur tatsächlich nachhaltig zu verändern und Vertrauen in das gesellschaftliche Miteinander und die (Lokal-)Politik zu stärken.

Moderator:innen sollten vor der eigenständigen Durchführung eine Schulung für Sprechen & Zuhören besuchen, insbesondere wenn das Format unter diesem Namen angeboten wird. Die Methode ist zwar einfach aufgebaut, in der praktischen Umsetzung gibt es jedoch einige Herausforderungen, die eine gute Vorbereitung, Moderationserfahrung und eine klare innere Haltung erfordern.

Nicht geeignet für

Sprechen & Zuhören ist nicht die passende Methode, wenn in kurzer Zeit konkrete Lösungen erarbeitet oder Entscheidungen getroffen werden sollen. Der Fokus liegt auf dem gegenseitigen Verstehen, dem Teilen von Erfahrungen und dem Aufbau von Vertrauen, nicht auf der gemeinsamen Erarbeitung von Maßnahmen oder Beschlüssen.

Abwandlungen

Sprechen & Zuhören lässt sich auch sehr gut online durchführen, mit einem Videokonferenz-Tool und zufällig zugeordneten Breakout-Räumen.

Je nach Kontext ist es möglich, zu Beginn einen kurzen fachlichen Input zu geben, der den gesellschaftlichen oder politischen Rahmen skizziert, bevor die Teilnehmenden in den Dialog einsteigen.

Die Themenwahl kann entweder im Vorfeld erfolgen oder gemeinsam mit den Teilnehmenden zu Beginn einer Veranstaltung getroffen werden. Bei einer Serie kann auch am Ende einer Veranstaltung das Thema für die nächste Veranstaltung in z.B. 4-8 Wochen festgelegt werden.

Nach einer Runde Sprechen & Zuhören ist oft Handlungsbereitschaft und Aktionswillen der Teilnehmenden in Bezug auf das besprochene Thema spürbar. Wenn passend, können daher im Anschluss mögliche Aktivitätsideen oder Handlungsimpulse gesammelt werden.

Das Format eignet sich auch sehr gut, um vor schwierigen Debatten oder wichtigen Entscheidungen ein gemeinsames Verständnis und eine respektvolle Gesprächsbasis zu schaffen. Auch für bestehende Arbeitsgruppen – etwa in Verwaltungen, Organisationen oder Unternehmen – kann es als regelmäßige Praxis oder vor Klausuren, längeren Sitzungen oder strategischen Prozessen eingesetzt werden.

Weiters gibt es verwandte Formate in anderen Kontexten, wie etwa „Talk & Listen“ (Gesprächsformat für Männer zur Verbesserung ihrer psychischen Gesundheit) oder den „Vierminutenkönig“, die ähnliche Prinzipien nutzen (feste Redezeiten, Kleingruppen, Fokus auf Ich‑Perspektive, achtsames Zuhören).


Weiterführende Informationen