Methode

Bürger:innenrat

ANZAHL DER BETEILIGTEN
Kleine Gruppe (bis ca. 15 Personen)
DAUER DER DURCHFÜHRUNG
1 Tag bis max. 1 Woche
STUFE DER BETEILIGUNG
Konsultation
FORM DER BETEILIGUNG
Analog
ZWECK DER DURCHFÜHRUNG
Diskussion starten, Gemeinsam planen und entwickeln, Problem / Feld analysieren, Meinungen / Reaktionen einholen, Aktivieren
FÜR KONFLIKT GEEIGNET
Nein

Allgemein

Der Bürger:innenrat (aus dem Englischen „Wisdom Council“) wurde von Jim Rough (USA) entwickelt. Er ist eine relativ neue Form der Zusammenarbeit zwischen Bevölkerung und Politik. Er bietet eine einfache, kostengünstige und rasche Möglichkeit, Selbstorganisation und Eigenverantwortung von Bürger:innen zu stärken. Unterstützt durch eine spezielle Art der Moderation – der Dynamic Facilitation – erarbeiten zufällig ausgewählte Bürger:innen einer Gemeinde, Region oder eines Landes an einem Wochenende Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. So werden auf kreative Weise Lösungen für heikle Themen und komplexe Fragestellungen entwickelt und umgesetzt. Außerdem wird das Engagement und das demokratiepolitische Verständnis der Bürger:innen gestärkt.

Der Bürger:innenrat ist ein Instrument der Politikberatung und ist als Ergänzung zum repräsentativ-demokratischen System zu sehen.

Ablauf

1.

Der Bürger:innenrat setzt sich aus zwölf bis sechzehn nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Bürger:innen zusammen. In der zwei Tage dauernden Arbeitsphase identifizieren die Teilnehmer:innen Themen öffentlichen Interesses in ihrem Umfeld und entwickeln dafür Verbesserungs-/Lösungsvorschläge. Es kann aber auch ein Thema durch eine Einstiegsfrage vorgegeben werden.

Dabei werden sie mit „Dynamic Facilitation“ moderiert. Mittels dieser lösungsorientierten Moderationstechnik und dem Empowerment-Ansatz können Ideen entstehen, die über bekannte oder naheliegende Lösungsansätze hinausgehen. Der:die Moderator:in folgt dem natürlichen Fluss des Gesprächs, notiert die Beiträge auf Flipcharts und sortiert sie in die Rubriken „Probleme“, „Lösungen“, „Bedenken“, und „Sichtweisen/Informationen“. Das Aufschreiben der Beiträge verlangsamt den Prozess, ermöglicht aufmerksames Zuhören und stellt sicher, dass nichts verloren geht. So werden bessere, schnellere und stärker konsensuale Resultate erzielt als in anderen Verfahren.

2.

Am Ende des Bürger:innenrats wird von den Teilnehmer:innen eine gemeinsame Erklärung verfasst. Wichtig ist, dass sich die ganze Gruppe auf diese Erklärung einigt. Sie wird in einem zweiten Schritt der Öffentlichkeit präsentiert und mit allen Anwesenden diskutiert, z.B. in Form eines Bürger:innencafés, zu dem es keine Zugangsbeschränkung gibt. Dabei ist wichtig, dass die relevanten Ansprechpersonen aus Politik oder Verwaltung anwesend sind.

3.

In einem nachfolgenden Treffen der Resonanzgruppe, bestehend aus Auftraggeber:innen, fachlich zuständigen Personen aus der Verwaltung, Prozessbegleiter:innen und einigen Vertreter:innen des Bürger:innenrats werden die Ergebnisse diskutiert und mögliche Umsetzungen oder Weiterarbeit in Arbeitsgruppen überlegt. Danach wird der Bürger:innenrat aufgelöst.

4.

Empfehlenswert ist die periodische Neubildung eines Bürger:innenrats (z. B. alle vier bis sechs Monate). Jeder neue Rat bestimmt eigene Themen und/oder kommentiert die vorhergehenden Statements. Im Laufe der Zeit entstehen Statements, die vom Großteil der Bevölkerung getragen werden. Dieser Ansatz, alle Menschen eines Systems – seien es Städte, Vereine, Unternehmen, Behörden oder ganze Staaten – einzubeziehen, zu ermächtigen und zu befähigen, hat sich in der Praxis gut bewährt.

Organisatorisches

Der Bürger:innenrat benötigt gute Vorbereitung (Einladung, Auswahl der Teilnehmer:innen), Räume und Moderationsmaterialien für die Durchführung. Des Weiteren ist auch eine gute Verpflegung als ein Dankeschön für das freiwillige Engagement der Bürger:innen wichtig.

Zu beachten

  • Jede:r Teilnehmer:in spricht für sich selbst und nicht für eine Interessensgruppe.
  • Bei der Auswahl der Bürger:innen sind Kriterien wie Geschlecht, Alter, Wohnviertel etc. zu berücksichtigen, um einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zu erzielen.
  • Es ist sehr wichtig einen Raum zu schaffen, der von Wertschätzung und Vertrauen geprägt ist, damit die Bürger:innen möglichst offen und ehrlich reden können und sagen, was sie stört, wovor sie Angst haben, was sie sich wünschen und erhoffen.
  • Der Prozess des Bürger:innenrats muss in einen politischen Prozess eingebettet sein: Die Teilnehmer:innen sollen nicht „umsonst“ eineinhalb Tage gearbeitet haben. Dadurch erfahren sie Wertschätzung und Anerkennung für ihr Engagement und sind durch diese positive Erfahrung eher gewillt, sich weiterhin zu engagieren oder diese Erfahrung weiterzugeben.
  • Eine periodische Durchführung des Bürger:innenrates erhöht die Qualität der Ergebnisse.

Nicht geeignet für

Die Methode ist nicht geeignet, um detaillierte Lösungen auszuarbeiten.

Abwandlungen

Zunehmend werden auch andere, teilweise ähnliche Formate als Bürger:innenräte bezeichnet, v. a. auch das umfangreichere Citizens´Assembly nach irischem Vorbild, das auch international hohe Bekanntheit erlangte. 2012 setzte Irland erstmals ein Verfassungskonvent ein (eine hybride Form) sowie 2016 einen Citizens´ Assembly. Auf deren Empfehlung hin fanden Referenden statt, die über die gesellschaftspolitisch kontroversen Themen der gleichgeschlechtlichen Ehe sowie der Abtreibung entschieden und jeweils zu (liberalisierenden) Verfassungsänderungen führten.

Der Unterschied zwischen den Bürger:innenräten nach Jim Rough und den Citizens´ Assemblies liegt primär im Umfang des Teilnehmer:innenkreises (<20 vs. >100) und der Dauer des Beratungsprozesses (ein Wochenende vs. mehrere Wochenenden im Zeitraum von mehreren Monaten). Während es sich bei Bürger:innenräten um vergleichsweise schnell durchführbare, kosteneffiziente und flexible Partizipationsverfahren handelt, erfordern die Citizens´ Assemblies einen erheblich höheren finanziellen und organisatorischen Aufwand.

Auch im „wie und wozu diese beauftragt werden“ kann es Unterschiede geben, was sowohl von der Methode als auch von regionalen Unterschieden abhängt.


Weiterführende Informationen

Praxisbeispiele

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